24. Stolperstein in Bedburg erinnert erstmals an nicht-jüdisches Opfer des Nationalsozialismus
Ein Name, der über Jahrzehnte kaum mehr als eine Erinnerung in der Familie war, steht nun wieder sichtbar im öffentlichen Raum: Barbara Handeck. Am Umsiedlungsdenkmal in Königshoven wurde am 10. September 2026 der 24. Stolperstein im Bedburger Stadtgebiet verlegt. Er erinnert in der Schlossstadt erstmals an ein nicht-jüdisches Opfer des Nationalsozialismus und damit an einen Menschen, der im Rahmen der nationalsozialistischen „Euthanasie“- und Krankenmorde ermordet wurde.
Möglich wurde die Aufarbeitung ihrer Geschichte vor allem durch ihren Neffen Hubert Handeck, der sich im vergangenen Jahr an die Stadt Bedburg wandte und auf das Schicksal seiner Tante aufmerksam machte. Gemeinsam mit weiteren Familienmitgliedern nahm er nun an der Verlegung des Stolpersteins teil.
„Manchmal beginnt das Erinnern mit einem einzigen Hinweis. Im Fall von Barbara Handeck war es ihr Neffe Hubert Handeck, der sich an uns gewandt und uns auf das Schicksal seiner Tante aufmerksam gemacht hat. Dadurch konnten die Kollegen aus unserem Stadtarchiv eine Geschichte aufarbeiten, die lange Zeit kaum bekannt war. Dass wir heute gemeinsam mit der Familie diesen Stolperstein verlegen konnten, ist deshalb ein ganz besonderer Moment“, erklärt Bürgermeister Sascha Solbach.
Hubert Handeck stellte dem Stadtarchiv gemeinsam mit seiner Familie historische Unterlagen zur Verfügung, darunter ein Schreiben aus der Tötungsanstalt Hadamar. Die Dokumente halfen dabei, den Lebensweg von Barbara Handeck nachzuzeichnen und die tatsächlichen Umstände ihres Todes sichtbar zu machen. Das Schreiben aus Hadamar berichtete zwar über ihren Tod, verschleierte jedoch das wahre Todesdatum und verschwieg, dass sie im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde ermordet worden war.
Die Lebensgeschichte von Barbara Handeck
Maria Barbara Handeck wurde am 17. Juni 1909 unter diesem Namen in Alt-Königshoven geboren, ihr Rufname war Barbara. Aufgrund einer psychischen Erkrankung und/oder geistigen Behinderung lebte sie ab 1939 zunächst im Kloster Königshoven. Ab Januar 1940 wurde sie in verschiedene „Pflege- und Heilanstalten“ eingewiesen. Am 15. August 1941 wurde sie im Alter von nur 32 Jahren in der Tötungsanstalt Hadamar durch Gas ermordet.
„Für uns als Familie ist es sehr bewegend, dass Barbara heute wieder einen sichtbaren Platz bekommt. Sie war nicht einfach nur ein Opfer – sie war ein Mensch mit einer Familie, mit einem Leben und einer eigenen Geschichte. Dass ihr Name nun hier in Königshoven dauerhaft erinnert wird, bedeutet uns sehr viel“, sagte Hubert Handeck, Neffe von Barbara Handeck, bei der Verlegung des Stolpersteins.
Auch Stadtarchivar Bastian Möller hat sich intensiv mit dem Lebensweg von Barbara Handeck beschäftigt. Für die Gedenkveranstaltung erarbeitete das Bedburger Stadtarchiv eine ausführliche Lebensbeschreibung, die in einer kleinen Broschüre zusammengefasst wurde und ab sofort auf der Homepage der Stadt Bedburg abrufbar ist.
„Die Unterlagen der Familie waren für die historische Aufarbeitung von großer Bedeutung. Sie gaben uns einen eindeutigen Hinweis auf Barbara Handecks Ermordung und gleichzeitig den entscheidenden Impuls, verschiedenste Quellen im Haus zu sichten, andere Archive zu kontaktieren und so Schritt für Schritt ihren Lebensweg nachzuzeichnen. Damit können wir heute nicht nur an ihren gewaltsamen Tod erinnern, sondern ihr auch ein Stück ihrer Lebensgeschichte zurückgeben“, fügt Stadtarchivar Bastian Möller hinzu.
Der Standort des Stolpersteins wurde bewusst gewählt. Barbara Handeck wurde im damaligen Königshoven geboren und lebte dort mit Unterbrechungen. Ihr ursprüngliches Zuhause existiert heute jedoch nicht mehr: Der alte Ort Königshoven musste in den 1970er Jahren dem Braunkohletagebau weichen. In Abstimmung mit der Familie wurde deshalb das Umsiedlungsdenkmal im heutigen Königshoven als neuer Erinnerungsort ausgewählt.
Martinusschule übernimmt Patenschaft
Dass die Erinnerung an Barbara Handeck auch über die heutige Verlegung hinaus lebendig bleibt, dafür sorgt künftig die Martinusschule Kaster. Die Grundschule übernimmt die Patenschaft für den neuen Stolperstein und wird sich im Rahmen des Unterrichts altersgerecht mit ihrer Geschichte und der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen.
Die Patenschaft fügt sich in ein besonderes Bedburger Konzept ein: Auch die 23 bereits verlegten Stolpersteine im Stadtgebiet werden von Bedburger Schulen betreut. Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung für die Erinnerungsorte und beschäftigen sich mit den Lebensgeschichten der Menschen, an die die Stolpersteine erinnern. So wird das Gedenken nicht nur im Stadtbild, sondern auch in den Schulen und bei den jüngeren Generationen verankert.
Der Stolperstein für Barbara Handeck ist der 24. Stolperstein im Stadtgebiet Bedburg. Seit der ersten Verlegung im Jahr 2017 erinnern die Stolpersteine an Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus hier verfolgt, von hier vertrieben oder deportiert und ermordet wurden. Mit dem neuen Stolperstein wird erstmals auch in Bedburg ein nicht-jüdisches Opfer gewürdigt und damit das Gedenken um die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde erweitert.
Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig sind Teil des größten dezentralen Mahnmals der Welt. Europaweit erinnern inzwischen mehr als 116.000 Stolpersteine an die Verfolgten, Ermordeten, Vertriebenen, Deportierten und in den Suizid Getriebenen des Nationalsozialismus – jeweils dort, wo sie gelebt haben.
