Page 39 - Küchenbrücken Kochbuch Flip
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Molokhiya oder eine Liebesgeschichte Geruchserinnerungen an Damaskus
Während meines Studiums in Damaskus entdeckte ich ein Molokhiya hat einen sehr intensiven, eigenarti- gab es einen kleinen Raum, der einen be-
Gericht, das damals an der syrischen Küste noch unbekannt gen, erdigen Geruch. Die Blätter riechen ähnlich sonderen Namen hatte: Nussieh, was so viel
war und mit dem ich eine besondere Geschichte verbinde. wie Heu, insbesondere, wenn sie trocken sind bedeutet wie „Raum der Mitte“.
In der Pause zwischen zwei Vorlesungen rief meine Freundin oder während des Trocknens. In der Molokhi- Nachdem die Molokhiya-Blätter sorgfältig
ihre Mutter von einem Münztelefon aus an, um nach dem ya-Saison kaufen die Syrer die frischen, grünen und mehrmals in kaltem Wasser gewaschen
Mittagessen zu fragen. Als sie die Antwort hörte, leuchtete Blätter in sehr großen Säcken. Als Kind half ich worden waren, wurden sie auf sehr großen
ihr Gesicht vor Freude auf und sie erzählte mir, dass es zu oft, die Säcke ins Haus meiner Großeltern zu Decken im Nussieh ausgelegt, um zu trock-
Hause Molokhiya gebe. Sie war so begeistert, dass sie auf tragen. Sie wohnten in einem arabischen Haus nen. Ein Ventilator sorgte dafür, dass sie an
keinen Fall in der Universitätsmensa essen wollte. Als ich ihr mit einem Innenhof und einer Treppe, die in der Luft trockneten und der erdige Geruch
sagte, dass ich dieses Gericht nicht kenne, bestand sie dar- L-Form das Erdgeschoss mit dem Obergeschoss verbreitete sich im ganzen Haus – ein Ge-
auf, mich zum Essen zu ihr nach Hause einzuladen. verband. In der Mitte der Treppe, also dort, wo ruch, der für immer in meiner Erinnerung
Die Familie wohnte in einem traditionellen arabischen Haus sie einen Knick macht, um die L-Form zu bilden, bleiben wird. Bassel
mit zwei Etagen, die durch eine Treppe verbunden waren.
Beide Etagen verfügten über weitläufige Innenhöfe, in denen
Zitronenbäume, Weinstöcke und zahlreiche Blumen wuch-
sen. Ich verliebte mich sofort in das Haus und den unver-
wechselbaren Duft, den es durchströmte.
Zum Mittagessen versammelte sich die ganze Familie – die
Mutter, einige Brüder und Schwestern – am Tisch und ich
lernte auch einen ihrer Brüder kennen, einen Künstler, der
erst vor ein paar Tagen aus dem Ausland zurückgekehrt war.
Das war im Jahr 1988.
In den folgenden Monaten vertiefte sich unsere Verbindung,
und schließlich entschied sich dieser Künstler, seine Tätigkeit
im Ausland aufzugeben, um in Damaskus, in meiner Nähe,
zu bleiben.
Seit diesem ersten Mittagessen sind nun 36 Jahre vergangen
und der Künstler genießt zusammen mit unseren beiden
Kindern immer noch am liebsten das Molokhiya-Gericht, das
ich auf meine ganz eigene Weise zubereite.
Widad
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